#nettsein Vom Anfang einer neuen Freundlichkeit

Nett sein

Kürzlich brachte ich ein Paket zur Postfiliale in meiner Kleinstadt in Brandenburg. „Ach, nach Hamburg geht das. Da war ich neulich, das hat mir so gut gefallen,“ schwärmte die Postfrau. „Die Leute da waren alle so nett.“ Sie hätte gar nicht viel von der Stadt gesehen, weil sie auf einem Seminar und vor allem in Räumen war, aber alle dort seien so freundlich gewesen. Das sei ihr aufgefallen. 

Wir sprachen dann darüber wie schade es sei, dass ausgerechnet Brandenburg und Berlin offenbar Landstriche seien, in denen Ruppigkeit und nach unten hängende Mundwinkel zum guten Ton gehören.

Wer einmal an einem Donnerstag (Einkaufstag im Osten, wie mich meine ehemalige Kollegin Traudl einst belehrte) in einem brandenburgischen Supermarkt unterwegs war, der weiß was ich meine. Ältere Frauen, die ihren Männern in einer Tour erklären, dass es die andere Margarine sein soll, dass noch reichlich Salami zu Hause ist und dass der Wagen doch nicht immer in den Weg der anderer Leute geschoben werden soll. Paare, bei denen man sich wünscht, dass in den Schütten mit Aktionsware zwischen Arbeitssocken und Duschgel-Dreierpack auch eine Scheidung-to-go liegen möge. Wehe, man bitte mit seinem Paket Toastbrot darum, an der Kasse vorgelassen zu werden.

Aber natürlich gibt es die unfreundlichen Menschen nicht exklusiv hier bei uns.

Ich erlebe das Überall in Deutschland.

In meiner Reinigung stapelte ich heute vom Verkaufstisch weg ein Paket auf den Boden, damit die Dame nicht um den Tresen herumlaufen musste. 

„Das müssen sie doch nicht.“ 

„Aber ist doch keine Mühe, ich stehe doch hier.“ 

„Man ist es hier nur nicht gewohnt, dass jemand nett und hilfsbereit ist.“

Danke sagen, ein einfacher Gruß mit einem Lächeln, ein Kompliment machen, ohne etwas dafür zu erwarten. Jemandem mit dem schweren Koffer helfen, Türen aufhalten, Anerkennung zeigen auch für Kleinigkeiten, die einem selbst den Tag schöner machen.

Warum ist das eigentlich für viele Menschen so schwierig und wann ist das aus der Mode gekommen?

Ich bin in Nordfriesland aufgewachsen. In meinem kleinen Ort grüßt man sich auf den Straßen mit einem freundlichen „Moin“, egal, ob man sich kennt oder nicht. 

In Bremen wird nicht jeder gemoint, aber man ist nicht so wortkarg und maulfaul wie in Brandenburg. Moin macht aus einem grauen mindestens einen hellgrauen Tag. Und wenn man bei Ihnen nicht „Moin“ sagt, dann tut es auch ein „Guten Tag“ oder „Hallo“. Die Atmosphäre wird freundlicher, der Umgang miteinander leichter. Denn wenn man jemanden freundliche begrüßt hat ist es doch sehr viel schwerer, danach noch ekelhaft in Ton und Benehmen zu werden.

Wer jemals in Amerika war hat es selbst erlebt. Kein Restaurantbesuch ohne ein „sweetheart, more coffee?“ und kein Einkaufsbummel ohne kostenloses Kompliment. Ganz egal wie ehrlich es gemeint ist, es fühlt sich besser an. Ich gehe lieber in ein Geschäft oder Restaurant, in dem man nett zu mir ist, als in eines, in dem ich den Eindruck habe, dass ich nicht erwünscht bin, weil ich störe.

Umgekehrt empfinde ich es als genau so unhöflich, wenn Menschen an Supermarktkassen telefonieren und die Kassiererin behandeln wie einen Automaten. 

Was tut eigentlich daran weh, wenn man jemandem sagt, dass man seinen Mantel mag, dass man die Tasche wunderschön findet, dass man von seinem Duft ganz beseelt ist? 

Ein einziger Satz, der für einen anderen Menschen den Tag ein bisschen schöner macht.

Ich will gar nicht so weit gehen zu sagen, dass dieser rechte Sumpf es schwerer hätte, wenn wir alle wieder netter zueinander wären, aber ich bin sicher, wenn wir mehr miteinander reden als übereinander, wenn wir mehr fragen als zu erzählen und mehr lächeln als mit einer beleidigten Fresse durch den Tag zu stolpern, dann wird unser aller Leben heller.

Diese wie Genöle und Herumkritteln an jeder Kleinigkeit, die jemand äußert. Das Kommentieren von Tweets mit einer Humorlosigkeit, wie sie kaum zu beschreiben ist. In jedem noch so interessanten Gedanken irgendetwas finden, was man kritisieren kann. Man müsse doch dies bedenken und jenes ich vergessen. An jedem noch so kleinen guten Gedanken wird so lange herumgemosert bis alle vergessen haben, dass es doch eigentlich um etwas Gutes, etwas Schönes ging.

Paradoxe Intervention nannte mein Freund Jörg das kürzlich in seiner Kolumne:

https://www.morgenpost.de/kolumne/article215277957/Einladung-zum-Eis-statt-Herumgeschreie.html

Ihr könnte jetzt von Gutmenschentum und Gelaber anfangen, aber ich mach das jetzt. 

Weniger darüber schreiben was schlecht ist, was mir den Tag versaut und mehr über die schönen Dinge. 

Oder, um es mit dem Lieblingszitat meiner Oma zu sagen: 

Was du nicht willst, was man dir tu, 

das füg auch keinem andren zu.

Ich hab dich lieb, Handy

 

Ich arbeite jede zweite Woche in der schönen Stadt Bremen. Das bedeutet, dass ich Sonntags in den Zug steige und in die Hansestadt fahre. 

Immer checke ich ob ich Geldbörse, Handy und alle Ladekabel dabei habe. Immer. 

Vergangenen Sonntag aber erst auf dem Bahnsteig kurz vor Einlaufen des Zuges. 

Kein Handy.

Eiskalter Schreck und erste Gedanken wie „das geht doch nicht, ich muss umbuchen und später fahren“, „eine Woche ohne Handy, das wird nicht funktionieren“. 

Dann aber „ach was, ging doch früher auch“ und „könnte ja mal ganz interessant sein“.

Um gleich vorweg zu spoilern: Beides stimmt.

In der Bahn habe ich überlegt, ob ich den jungen Mann vor mir, der pausenlos auf seinem Handy herumtippte, mal frage, ob ich kurz eine SMS schreiben darf. Idee verworfen, dann hätte der ja meine Nummer und auch die meines Mannes, keine Ahnung wie man so etwas löscht. Fast jeder hat ein Handy dabei, tippt, hört Musik, scrollt sich durch Textnachrichten oder die sozialen Netzwerke. 

Im ICE dann dank eines ausnahmsweise funktionierenden W-Lan wieder das Gefühl mit dem Rest der Welt verbunden zu sein. Gedacht „ich habe ja eine Festnetz“ und „man kann sich ja eMails schreiben“, „wie schlimm soll das schon werden, ist ja nur ein Handy“.

Immer wieder in der Bahn, beim Aussteigen, beim Ankommen in der Wohnung das Tasten in den Taschen auf der Suche nach einem nicht vorhandenen Telefon.

Am Abend auf meinem Balkon sehr traurig ohne Handy. So ein schöner Sonnenuntergang über der Weser und keine Möglichkeit, ein Foto zu machen und es auf Instagram zu teilen.

Am nächsten Morgen in der Redaktionskonferenz großes Gelächter, als ich sage: Ich bin in dieser Woche nur auf meinem Festnetz oder via Mail erreichbar. „Mach doch einen Beitrag draus“, „oh, unfreiwilliges digitales detoxen ist ja auch mal eine Erfahrung“. Und immerhin auch ein mitfühlendes „und wie geht es dir damit?“.

Auf Facebook habe ich Freunden mitgeteilt, dass ich in dieser Woche nicht unter meiner Mobilnummer erreichbar bin. Das ist für einige offenbar so unfassbar, dass sie mir eMals schicken und in der Betreffzeile steht: Falls du keinen Empfang haben solltest. Ich spare mir die Antwort, dass der Empfang nicht das Problem darstellt.

In den kommenden Tagen fehlt mir mein kleines Gerät bei vielen Gelegenheiten. 

Stricken im Kerzenlicht, Masche verloren, keine Taschenlampe.

Zweitwecker stellen, falls ich den ersten nicht höre, geht nicht.

Schnell mal nachsehen, wie morgen das Wetter wird, geht nicht unterwegs.

Ich muss pünktlich sein bei Verabredungen, eine schnelle Entschuldigungs-SMS kann ich ja auch nicht verschicken.

Dann passieren aber auch so viele schöne Dinge:

In der Tram muss ich aus dem Fenster schauen, weil ja kein Gerät da ist, auf dem man Neuigkeiten in den sozialen Netzwerken checken kann. 

Mir fallen Dinge auf, die ich noch nie zuvor bemerkt habe. Wußtet Ihr was ein Laden für Anlassmode ist? Daran bin ich vorbeigefahren. 

Ein Geschäft für Mode, die man bei besonderen Anlässen trägt. Anlassmode.

Ich muss Menschen nach dem Weg fragen, weil ich keine App benutzen kann. Spreche mit Leuten, sage Danke und bitte, wir tauschen ein Lächeln und Informationen.

Beim Mittagessen spricht mich eine Frau an, die mit dem Bus nach Bremen gekommen ist. Sie erzählt von einer fürchterlichen Stadtführung und von ihren Kindern. Wir plaudern und keiner von uns isst allein. Hätte ich auf mein Telefon geguckt, wie ich es sonst mache, wenn ich allein an einem Tisch sitze, dann hätte sie mich ganz sicher nicht angesprochen, sagt sie später.

Mein Telefon ist wieder Telefon, denn mein Festnetz ersetzt Nachrichtenapp und eMail. Ich rufe Menschen an, spreche mit Freunden, mit denen sonst eher gechattet wird. 

Wenn man sich an das Phantombrummen in der Hosentasche gewöhnt hat, dann ist es eigentlich mal ganz schön ohne Handy.

Ihr müsste es ja nicht eine Woche an einen anderen Ort bringen, aber das Gerät einfach mal in der Tasche zu lassen, sich wieder umsehen, wenn man unterwegs ist, mit Menschen sprechen, das ist einen Versuch wert. 

Kann ich aus Erfahrung sagen.

Aber ganz darauf verzichten wollen, würde ich auch nicht. 

#penmarathon

24 tweets sind eine Geschichte

1/24 Was für eine gequirlte Scheiße war das jetzt? Björn Elsok vergewisserte sich, dass die Mail wirklich aus dem Kanzleramt kam. Die Alte wolle starke Personalveränderungen umsetzen. „Wir brauchen die Frauen als Wählerinnen, um für unsere Partei das Beste zu erreichen. #penmarathon

2/24 Daher werde ich intern Positionen mit Frauen neu besetzen.“ Dann noch Blabla von wegen „Bitte um Verständnis“, „Zeiten wie diesen“ und so weiter. Klar, jetzt auch noch seinen Stuhl für eine Frau frei machen. Feierabend. Dieses Land war nicht mehr sein Land. #penmarathon

3/24 Erst die Offensive für „Lehrer an die Grundschulen“. Geld für Pflegestellen, um Männer zu begeistern. Schließlich als Schullektüre Pilcher statt Brecht. Jetzt die Jobs der Minister und Referenten an Frauen. Die fünfte Amtszeit hatte der Alten das Hirn zerstört. #penmarathon

4/24 Italien vielleicht? Zu teuer für seine Ersparnisse. Spanien? Er konnte Paella nicht ausstehen. Strand oder Wandern? Da stieß er auf einen Artikel: „Berge, Meer und Wein in Georgien“. Georgien, warum nicht? Und die Frauen da? War auch schnell gegoogelt. #penmarathon

5/24 „Die Unterdrückung der Frau gehört im Kaukasus fast schon zum kulturellen Erbe“ – stand in dem Artikel und das ließ die letzten Zweifel schwinden. Außerdem sah die Dame auf dem Bild zum Artikel aus wie die Oma von Roman Polanski. Ein Flug nach Tiflis kostete 229 Euro und ging morgen früh. #penmarathon

6/24 Schlecht geschlafen. Alpträume von einer Welt in der Männer in Hundekäfigen lebten und nur zum Hausputz und zum Beischlaf herausgelassen wurden. Fiel Björn sofort wieder ein, als er sah wie am Flughafen eine Frau einen häßlichen Minköter in ihre Handtasche drückte. #penmarathon

7/24 Türkische Billigfluglinie. Zwischenstopp in Istanbul. Essen konnte man da natürlich nichts auf dem Flughafen. Kurz hatte er über die Option Türkei nachgedacht. Verworfen. Womöglich würde er da Kolleginnen aus dem deutschen Parlament über den Weg laufen. #penmarathon

8/24 Noch eine Stunde, dann endlich Tiflis, das Land in dem Männer noch Männer sein durften.  Über die Sprache machte er sich keine Sorgen. Niemand brauchte Kartuli, wenn er ein echter Kerl war.  Er hatte Kontakte. Er hatte Nino Haratischwilis gelesen. Er hatte Zuversicht.  #penmarathon

9/24 Björn war überrascht. Moderner Flughafen, sechsspurige Autobahn Richtung City. Er hatte nach einer Budget-Unterkunft gefragt. Der Taxifahrer hatte ihn nach knapp fünfzehn Minuten Fahrt zu einer Pension gebracht, die „Willkommen“ im Titel trug. Er betrachtete das als Omen. #penmarathon

10/24 LILA! Die Wände seines Zimmers waren lila gestrichen. Gut, für umgerechnet unter 30 Euro durfte man vielleicht keine Männerfarbe erwarten. Er stellte sein Gepäck ab, um die Stadt zu erkunden und sich mit Dominic zu treffen. keine Zeit vergeuden. #penmarathon

11/24 Auf dem Weg durch die Altstadt hatte er Zweifel. All die fremden Namen, Sprachfetzen, allein die Schrift. Er fühlte sich fremd, bis er sich auf die Menschen konzentrierte: Mädchen in Miniröcken, blonde Haare, schwarze Kopftücher. Kaum Männer auf den Straßen.  #penmarathon

12/24 Dominic strahlte, klopfte auf den Stuhl neben sich, als er Björn kommen sah. Gamardschoba!  sagte er immer wieder und klopfte ihm auf die Schulter. Sie hatten sich über seine Arbeit im Ministerium kennengelernt. Dominic hatte eine Frau und 3 Töchter. Arme Sau. #penmarathon

13/24 Dominics Deutsch war gut genug um Björn zu vermitteln, dass es nicht ganz einfach werden würde mit einem Job. Aber Georgien sei ein großes Land mit vielen Möglichkeiten. Björn sei doch reich, vielleicht ein Hotel am Schwarzen Meer? Oder wollte er sich als Weinbauer versuchen? #penmarathon

14/24 Dominic hatte Essen bestellt, das immer in die Mitte des Tisches gestellt wurde. Chatschapuri, gefüllten Teigtaschen und Fleisch, viel Fleisch. Heruntergespült mit georgischem Wein, Wodka und Bier, serviert vom Wirt persönlich. #penmarathon

15/24 Er weinte, als er mit einem fetten Kater erwachte. Wegen der Übelkeit, wegen der undefinierbaren Schriftzeichen an der Tür, wegen der scheußlichen Wandfarbe. Wegen der Nachrichten auf CNN. Die Alte Hund die Frauenoffensive. Er konnte nicht zurück. #penmarathon

16/24 Björn gefiel es in Tiflis.  Ein veganes Restaurant hatte eröffnet und war mit Wurstscheiben beworfen worden, bis es umzog. Das war so ganz und gar nicht Prenzlauer Berg. Tradition zählte hier noch etwas. Die Männer versorgten die Familie, die Frauen passten sich an.  #penmarathon

17/24 Vielleicht würde er sich sich eine Frau suchen. Nicht so eine wie die Alte, sondern eine, die zu ihm aufsah, für ihn da war. Ihn achtete. So wie es sich gehörte. Vor dem winzigen Schreibtisch stand ein zusammenklappbarer Angelstuhl. Wo konnte man hier angeln gehen? #penmarathon

18/24 Hier in Georgien wussten sie, was Männer wollten. Eine Angelgenehmigung war nicht nötig. Der Portier des Hotels hatte ihm sogar seine Ausrüstung geliehen. Mitten in der Stadt, im Fluß Kura solle er sein Glück versuchen, hatte er lachend gesagt. Nun stand er hier. #penmarathon

19/24 Der Fluß war eine ziemlich braune Brühe, aber der Typ neben ihm in grauem Kurzarmhemd und Schiebermütze hatte zustimmend genickt, als Björn seine Angel auswarf. Angeln hatte ihm immer schien beim Denken geholfen. #penmarathon

20/24 Das mit der Sprache, das war ein Problem. Weil er aus Berlin einfach abgehauen war, würde er hier wenig Unterstützung aus Deutschland erwarten dürfen. Ohnehin würde die Regierung für die Vermittlungsgespräche für den EU-Beitritt sicher sowieso Frauen schicken. #penmarathon

21/24 Er würde sich nicht unterkriegen lassen. Björn hatte seine Führerscheinprüfung in 17 Wochen geschafft, sein Spanisch-Diplom in einem zweiwöchigen Intensivkurs. Da sollte ein Neuanfang in diesem wunderbare Land für einen wie ihn kein Problem darstellen. #penmarathon

22/24 Die Forelle hatte er dem Mann mit der Schiebermütze geschenkt. War zum Hotel zurück und hatte seinem Anwalt einer Mail geschickt: Haus und die Autos verkaufen, alles auf sein Onlinekonto einzahlen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.  Neues Leben.#penmarathon

23/24 Er feierte seine Entscheidung in einer kleine Bar unweit vom Hotel. Kam ins Gespräch mit einer attraktiven Dunkelhaarigen, die in Deutschland studiert hatte. Wieder viel Wein, Whisky, Schnäpse. Schwankend gemeinsam zum Hotel, Turnstunde auf dem schmalen Bett. #penmarathon

24/24 Björn wurde wach, weil Dea einen Schuh fallen ließ. Er richtete sich auf, sah sie winkend durch die Tür verschwinden. Vor dem Bett lag ein Zettel: „Hatte schon aufregendere Nächte. Vielleicht versuchst du es mal mit einem Mann?“ ENDE #penmarathon

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Moin-Land

Die Wunderbarkeit von Moin

Immer wenn ich aus meiner Kleinstadt in Brandenburg zu einer Arbeitswoche nach Bremen komme, dann ist es schon da.

Immer wenn ich meine Eltern in Nordfriesland besuche, dann ist es schon da.

Das Moin.

Wie ein einfaches Wort, eine Begrüßungsformel (die eigentlich mehr ist als  nur das) die Stimmung verändert, das kann jeder erleben, der in den Norden fährt.

Im Dorf meiner Eltern wird immer gegrüßt. Egal, ob man Urlauber ist oder Zugereister oder seit Jahren dort wohnt. Begegnet man sich auf der Straße, sagt man „Moin“. So habe ich auf dem kurzen Fußweg vom Haus meiner Eltern bis zum Supermarkt meistens mit mindestens fünf Menschen gesprochen.

In Bremen betritt man den Sender nicht, ohne vorher mit zahlreichen Kollegen vor der Tür und dann auch auf den Gängen ein „Moin“ ausgetauscht zu haben.

Für Süddeutsche nicht nachvollziehbar, ich weiß. Denn „Moin“ , das ist nicht „Guten Morgen“. Das kann es sein, aber es steht auch für: Guten Tag, Guten Abend, Wie geht es dir, Schön dich zu sehen, wunderbar dich zu treffen, lass mich in Ruhe, zum Reden ist heute nicht der Tag…. Ich könnte diese Liste endlos fortsetzen. Man kann es auf tausend unterschiedlich Arten betonen, mit diesem einen Wort Stimmungen ausdrücken.

Nicht allein die Vielseitigkeit macht dieses Wort so besonders. Auch, dass es so leicht ist, andere davon in Kenntnis zu setzen, dass man sie bemerkt hat, das man sie gesehen hat, das man sie wahrgenommen hat.  Man hat miteinander gesprochen, auch wenn man sich nicht kennt. Das ist nett. Das ist freundlich. Das verändert die Atmosphäre unter Menschen. Man kennt sich nicht, aber man kann sich „moinen“ und damit ein klein wenig näher kommen.

Ich finde das wunderbar. Wenn ich nachmittags, müde von mehreren Frühschichten, an den Rauchern vorbei in die Redaktion gehe, diese Raucher dann in verschiedenen Bandbreiten von „Moin“ über „Mooooooooooin“ bis „Moin,do“ alles gesagt haben, dann fühle ich mich gleich ein wenig besser. 

Wir gehören zusammen im Moin-Land und vielleicht wäre es deshalb ganz gut, wenn auch andere Gegenden sich so ein Wort suchen würden.

We are safe – New Yorkers are as tough as they come

Wieder ein Anschlag.

Und wieder war ich nur wenige Minuten zuvor genau an der Stelle, an der jemand Menschen totgefahren hat.  Erst in Berlin, jetzt in New York.

Am 19. Dezember 2016 war ich mit einer Freundin im Bikinihaus essen, wir verabschiedeten uns, ich wollte lieber nach Hause, statt noch über den Weihnachtsmarkt zu bummeln. Mein Parkticket habe ich bezahlt, knappe zehn Minuten bevor Anis Amri auf eben diesen Weihnachtsmarkt fuhr. Heute war ich eine gute halbe Stunde vor dem Anschlag ein paar Straßen weit weg. Das fühlt sich anders an, als darüber in den Nachrichten zu hören.

https://www.washingtonpost.com/graphics/2017/national/truck-attack-nyc-manhattan/?tid=sm_tw&utm_term=.bb4d9e0e73c0

Wir waren heute morgen auf der Aussichtsplattform des One World Trade Center. Eigentlich sollten wir bereits am Sonntag hochfahren, aber da war es sehr bewölkt, so dass wir die Tickets tauschen konnten. Großartiges Wetter heute in New York, Sonnenschein und blauer Himmel. Wir wollten deshalb danach lieber ein Stück laufen, zurück zum Hotel. Vom Ufer des Hudson die Freiheitsstatue fotografieren, auf einer Bank in der Sonne sitzen, am Fluß entlang spazieren.

Halloween in der Stadt. Männer, die über ihrem Businessanzug einen lustigen gelben Minions-Overall gezogen haben, Frauen die sich ein Gummihuhn mit Telefonkabeln vor die Brust gebunden haben, Kinder mit aufgemalten Spinnennetzen im Gesicht. Der Mann im Fahrstuhl fragt „where are you from?“ und freut sich über die Antwort „Germany“. Er sei da gewesen, in Berlin. was für eine  tolle Stadt. Die Museumsinsel, einzigartig. Und die Menschen in Deutschland, alle so freundlich. Wenn ich heute Abend, nach dem Anschlag, mit ihm gefahren wäre, ob er dann mit mir über den Breitscheidtplatz gesprochen hätte?

Ihr könnt es Euch sparen, die Tweets des Präsidenten zu lesen. Das Übliche eben. Andere Kommentare drücken aus, wie ich die New Yorker erlebt habe.  Gouverneur Andrew Cuomo  twitterte:  „New Yorkers should be New Yorkers, we will not be deterred.“ Gleichwohl verkündete er ab sofort verstärkte Sicherheitsmaßnahmen. Mehr Polizei, vor allem an belebten Plätzen und in der Halloween-Nacht. Unter dem Hashtag  twittern auch Prominente.

https://twitter.com/nyknicks/status/925524310512586752

https://twitter.com/BarbraStreisand/status/925490710605901831

https://twitter.com/elijahwood/status/925495726800384000

Zwischen all die Beileidsbekundungen und „Stay strong“- Beschwörungen auf Twitter mischen sich Fragen nach mehr Sicherheit im Land, nach einer anderen Einwanderungspolitik, bis zu Hinweisen darauf, dass das alles nicht passiert wäre, wenn man keine Muslime ins Land gelassen hätte.

Als die Nachricht des Anschlags Deutschland erreicht, kommen die Anfragen via Twitter, Facebook, SMS und eMail. Geht es Euch gut? Seid Ihr sicher? Ist Euch auch wirklich nichts passiert? Menschen, die „nur“ Kollegen sind, mit denen man ab und an zusammenarbeitet, sorgen sich. Freunde, die wissen, dass ich noch immer in Amerika bin, die Familie sowieso. Ja, es geht uns gut. Wir haben die großartige Aussicht genossen, auf diese Stadt, die wirklich einzigartig ist. Wir haben Geburtstag gefeiert und gut gegessen. Jetzt sitze ich im Hotelzimmer, höre Musik vom Times Square, ab und zu lautes Klatschen. meines Eindrucks nach sind deutlich weniger Menschen auf den Straßen, als an den vergangenen Abenden. Aber das kann auch daran liegen, dass in Lower Manhattan die Halloween-Parade veranstaltet wurde.

Die Spitze des One World Trade Center leuchtet heute Abend in rot, weiß und blau. Ex- Präsident Obama schrieb: “Michelle and I are thinking of the victims of today’s attack in NYC and everyone who keeps us safe. New Yorkers are as tough as they come.”

If you want to create fear, you picked the wrong city. New York City and New Yorkers will never back down to hate and terror.

Das Beste zum Schluß

Drei Wochen unterwegs mit einem RIAS-Stipendium, jetzt geht es erst einmal ans sortieren: Bilder, Adressen, Erinnerungen. SCHON drei Wochen um? ERST drei Wochen ist das her, dass wir uns zum ersten Mal getroffen haben? Beides unglaublich.

Zwölf Menschen aus Fernseh-und Radioredaktionen aus ganz Deutschland – drei Wochen unterwegs in den USA. (Alles zu den Bewerbungen für Journalisten gibts hier http://riasberlin.org/en/current-events-dates-and-deadlines/ ).  

#RiasChangedMyLife stimmt wirklich! Ganz ehrlich, Ihr könnt Euch bewerben und mitfahren, aber Ihr werdet NIE im leben auf eine Kombination so großartiger Teilnehmer treffen wie ich. Selten habe ich mich so schwer von einer Gruppe Menschen getrennt. Danke Anja, Ralph, Christian, Torsten, Anorte,Neus, Nural, Laura, Vanessa, Benedikt und Charlotte für tolle und besondere Gespräche, für viel Lachen, für Umarmungen, wenn das Heimweh kam. Es ist ein Geschenk Euch getroffen zu haben!

Danke an Erik und Anette für das organisieren außergewöhnlicher Termine, Begegnungen mit besondere Menschen und lebensverändernde Gespräche. Mein Blick auf dieses Land hat sich verändert. In vielerlei Hinsicht wird sich das auf meinen Alltag und die Arbeit in Deutschland auswirken.

 

Bevor ich jetzt in meine ganz private NY Woche starte, noch ein paar Tipps für Euch:

 

Frühstück kaufen in NYCity? Am besten an den Rolllenden Buden, die überall stehen. Banane, Kaffee und Wasser für zusammen 3 Dollar – unschlagbar günstig. Abends dann am besten in eine Bar in Seitenstraßen und nicht an den touristischen HotSpots, zum Beispiel in der 9ten. Das Bier gibts ab 3 Dollar, manchmal plus kostenlosem HotDog.

Die Hotelpreise in New York sind inzwischen an Absurdität kaum zu überbieten, also sehr rechtzeitig buchen. Das YOTEL ist zu empfehlen, kleine aber schöne Zimmer, sensationell gute Betten und im Viertel Hell’sKitchen gibt es wunderbare Restaurants und Bars in Fußnähe, den Times Square erreicht man in 20 Minuten zu Fuß, zum Hudson sind es zehn Minuten. (Dusche und WC sind allerdings nur durch eine Glastür mit Vorhang vom Rest des Zimmers abgetrennt.

Euch allen ein schönes Wochenende. 

Riesensalat und Leuchtreklame – immer noch NY

Heute haben wir gekocht! Am Morgen Treffpunkt St.James Church in der Madison Avenue, eine sehr moderne Kirche. Deren Pastorin ist Brenda Husson, die in vielerlei Hinsicht besonders ist, die bereits seit Jahren für die gleichgeschlechtliche Ehe eintritt und sich unter anderem für Obdachlose und Benachteiligte engagiert. Jeden Dienstag gibt es ein besonderes Mittagessen, die Tische werden mit frischen Blumen dekoriert, es gibt Metallbesteck (ja, das ist besonders, weil sonst IMMER alles aus Plastik ist) und das Essen wird am Tisch serviert.

I was hungry and you gave me food; I was thirsty and you gave me drink; I was a stranger and you welcomed me.  – Matthew 25:35

Wir haben dabei geholfen Chicken Parmesan, Nudeln mit Tomatensauce, Salat und Schokoladenkuchen mit Glasur zuzubereiten, anschließend mit serviert und abgeräumt. An den Tischen saßen nicht nur Menschen, die obdachlos sind, sondern auch die, bei denen das Geld einfach nicht ausreicht für ein gutes Essen. Einer von sechs Menschen in Manhattan ist nach Angaben der Helfer hungrig. Jede Woche kümmern sich Freiwillige darum, dass es nicht nur gut schmeckt, sondern auch in einer besonderen Atmosphäre etwas besonders Leckeres gibt, für alle die kommen. http://www.stjames.org/service/meal-programs/

 

 

Bizarr gleich danach an den teuersten Boutiquen vorbei zum Times Warner Haus zu spazieren, um CNN zu besuchen.  Hier war unter anderem die politische Entwicklung in Deutschland ein Thema:

Um die Mischung des Tages noch ein bisschen bunter zu machen, zum Abschluss an den Times Square. Trump-Shirts und Tassen im Angebot und in eher kleiner Auswahl.

Und dann waren da Esther und Bob. Ein älteres Pärchen aus New Jersey, die darum baten, fotografiert zu werden und sich unbedingt gleich revanchieren wollten. Esther erklärte, „wie wunderbar, dass ihr hier seid, hoffentlich sind alle sehr nett zu euch hier in Amerika“ und Bob war schon in Stuttgart und Frankfurt und „loved it“.  Beide kamen übrigens aus der 17. (!) Vorstellung von „König der Löwen“.

Fangirl in New York

Wenn man nicht zu Hause ist, macht man Sachen die man nicht macht, wenn man zu Hause ist.  Ich zum Beispiel schalte in New York morgens den Fernseher ein.

1991 war ich zum ersten Mal in New York und schon damals war es so: Früh aufwachen wegen der Zeitumstellung, Kaffee trinken und dabei die Today Show auf MSNBC gucken, live vom Rockefeller Plaza (da, wo im Dezember der große Weihnachtsbaum steht). Das habe ich bisher bei allen New York Besuchen so gemacht. Deshalb war für mich heute im Rahmen des RIAS-Programms ein ganz besonders toller Tag, wir waren nämlich in die Redaktion von NBC eingeladen. Der Mann, der jeden Tag um halb zwei aufsteht, um dann bis 11 Uhr die regionale Sendung zu moderieren, hat uns hinter die Kulissen geführt. Michael Gargiulo also erst im Fernsehen, dann als ehemaliger Rias-Fellow unser Gastgeber im Rockefeller Center.

Wie werden Nachrichten gewertet, wie kommt man in einer Stadt in New York an Informationen, was passiert, wenn man mehr weiß als die Polizei, welches soziale Netzwerk wird am meisten genutzt, wie wichtig ist ein Podcast, wie lange kann man investigativ an Geschichten arbeiten – keine Frage war dem Team unangenehm oder lästig, alles wurde ausführlich beantwortet.

Wenn man Radio macht, ist Fernsehen ja immer spannend. Also für mich auch lustig, wenn der Mann vor der grünen Wand so tut, als würde er die Wolken und Windströme wirklich sehen.

Wer in New York war, hat das wunderschöne Gebäude ganz sicher schon von außen gesehen.  Wir waren in und an den sehr modernen Studios,  Regieräumen und Garderoben.  Jimmy Fallon, Seth Myers und das Team der Tonight Show sind auf dem Boden gelaufen, auf dem ich heute ging. Hach.

Ach und – was sagen die deutschen Elektriker eigentlich zu so etwas?

Später waren wir zu Gast bei CBS und der Redaktion von „60 Minutes“. Ein geachtetes und inzwischen 50 Jahre altes Fernsehformat mit Reportagen (könnt ihr in Deutschland über deren app angucken). Erstaunlich aber auch schön zu sehen, dass ein gut recherchiertes Format noch so beliebt ist.

Im Vorbeigehen für Euch noch gelernt, dass sich auch hier offenbar viele auf die zweite Staffel von „Strange Things“ freuen:

Und ich möchte nicht versäumen, Euch mit diesen weisen Worten in den Tag zu schicken.

Hallo New York!

Nach der Woche, in der alle Kollegen der RIAS-Reise verteilt über verschiedene Bundesstaaten gearbeitet und geguckt, gesehen und gehört haben, sind wir seit gestern Abend wieder zusammen. In New York.

Aber ich muss noch eine Empfehlung für Seattle loswerden. Solltet Ihr nach Seattle fahren, dann geht unbedingt auch ins MoPoP, Museum für Popkultur.

Tolle Ausstellung über Musik und Stars, mit Foto, die eher selten gezeigt werden, einer Abteilung über und mit Computerspielen, einem riesigen Gitarrenturm, einer Art Soundwerkstatt, in der man Töne jeder Art ausprobieren kann und Sonderausstellung. Jetzt gerade eine über die Arbeit von Jim Henson.  Ich hab alle meine Freunde getroffen.

Die Dame, die an der Einlasskontrolle stand, hat mich übrigens darauf hingewiesen, dass es sehr, sehr wichtig ist, die Plüschecken an den Wänden zu streicheln. Das würde sehr entspannen, ich solle es ausprobieren, sie wüsste, dass es funktioniert.

Vielleicht sollte wir auch in deutschen Einkausfstempeln solche Plüschohren aufhängen. In der Ausstellung jedenfalls waren alle tiefenentspannt und fröhlich.

Tolles Design bis zu den Toiletten. Und da das Wetter in Seattle, ja manchmal doch recht norddeutsch ausfällt, perfekt für einen Indoor-Ausflug.

Eigentlich nur noch getippt durch die PEZ-Spener-Sammlung des Kollegen bei KUOW.

In New York bleibt in den nächsten Tagen wenig Zeit für Kunst und Bonbons – stattdessen Besuche bei NPR, CBS, CNN und anderen, die mehr als drei Buchstaben haben.

In case of…Erdbeben in Seattle

Ich habe es nochmal nachgelesen, im Weserreport hieß es im Februar, man habe “ein schwaches seismisches Ereignis” festgestellt. Mit anderen Worten: Erbeben im Sendegebiet. Im April und November zuvor hatte es ebenfalls bereits Beben gegeben, man vermutet, dass die Erdgasförderung damit zu tun hat.

In den USA ist das Thema Erdbeben sehr viel präsenter. Online gibt es einen Earthquake-Tracker, den hätte ich mir nicht ansehen sollen. Es gibt hier nahezu täglich winzige Beben. Wahrscheinlich sind deshalb alle so gelassen, sich aber gleichzeitig der Gefahr bewusst, dass es auch mal härter kommen kann.

Für den Fall, dass ein Erdbeben gefährliche Stärke annimmt muss man natürlich proben, wie ein Bürohaus evakuiert wird und welche Wege im Falle eines Falles rund um das Haus genutzt werden können.

In den Redaktionsräumen von KUOW, dem Sender, bei dem ich diese Woche hospitiere, beginnt das wie ein Feueralarm. Sirenen und die Aufforderung unter den Schreibtischen Schutz zu suchen.

Es gibt so etwas wie einen Erbeben-Beauftragten in jedem Bereich, der sorgt dann dafür, dass alle aus dem Gebäude und über sichere Wege (nicht zwischen eng zusammenstehenden Häusern) zu einem Treffpunkt gebracht werden. Bisschen reden, warten, lachen über den Typen, der immerhin noch Zeit hatte seine Kaffeetasse mitzunehmen (Hey, wenn das passiert hab ich jedenfalls heißen Kaffee), dann gehen alle wieder zurück zur Arbeit.

Ich habe eine der Frauen, die verantwortlich war für die Durchführung der Übung gefragt, ob sie die ganze Zeit daran denkt, dass es ja nur eine Übung ist. Sie hat gesagt, dass sei schon alles ganz schön beängstigend, wenn man sich überlegt, was in Mexiko passiert ist. Sie habe gemischte Gefühle, man sei halt besser vorbereitet und sie teilt alles, was sie über den Schutz bei Erdbeben lernt mit ihren Freunden und Verwandten in Nicaragua.